Nach mehr als 12 Jahren müssen wir unseren Weg neu definieren – die RJG Bern löst sich auf.

Nach dem Statement der RJG Frauen, Lesben, inter-, nonbinären- und trans Personen (FLINT Personen) folgt hiermit das Statement der gesamten Gruppe zur Auflösung der Revolutionären Jugend Gruppe (RJG).

Nachdem wir nun seit einigen Monaten kaum etwas von uns haben hören lassen, möchten wir darüber informieren, dass sich die Revolutionäre Jugend Gruppe (RJG) auflöst.
Damit kommt das Kollektiv der gleichlautenden Forderung der FLINT Personen aus der Gruppe nach.

Wir sind all die Jahre massiv gescheitert eine Basis für feministische Politik zu schaffen, sexistische Verhaltensmuster wurden intern kaum reflektiert und erst recht nicht strukturell bekämpft. Zu oft haben in der Vergangenheit FLINT Personen die Gruppe verlassen, ohne dass dies eine kritische Auseinandersetzung mit den gruppeninternen sexistischen Verhaltensweisen bei der cis Männer-Mehrheit ausgelöst hat. Das FLINT Personen verdrängt werden, ohne dass cis Männer dafür Verantwortung übernehmen, darf sich nicht wiederholen.

Die RJG wurde im Spätherbst 2007 gegründet – in einer Zeit, in der die ausserparlamentarische Linke Berns sich wandelte: Die meisten Neonazis auf den Berner Strassen konnten erfolgreich bekämpft werden und der Antikapitalismus rückte stärker ins Zentrum.
Sie war ein Gefäss, welches jungen Menschen erste organisatorische, inhaltliche und aktivistische Erfahrungen in der revolutionären Linken ermöglichte. So konnten sich diese politisch vertiefen, stärker fokussieren und danach den entsprechenden Weg in der Bewegung weiter gehen.


Über die Jahre lösten sich jedoch andere Gruppen auf oder nahmen Positionen ein, welche eine Vielzahl von Menschen in der RJG nicht als Basis für ihre künftige Politik betrachteten. Die RJG wurde dadurch zu einer agendabestimmenden Gruppe in Bern, ohne dies strukturell stemmen zu können  noch dies je als Ziel definiert zu haben. Im eigentlichen Anspruch, eine Jugendgruppe zu sein, blieben die Diskussionen oberflächlich, inhaltliche Auseinandersetzungen wurden kaum geführt und die Kollektivsitzung verkam zu einer Austauschplattform. Tatsächlich standen wir im Widerspruch zwischen Jugendgruppe und politischer Organisation.
Die spärliche interne politische Bildung führte zu einem mangelnden gemeinsamen politischen Bewusstsein, welches zu fehlender Kollektivität und Motivation innerhalb der Gruppe führte. Folgenschwer erweist sich dies in Bezug auf jene gesellschaftlichen Unterdrückungsformen, welche sich tagtäglich auch in unseren Strukturen zeigen, allen voran das Patriarchat.
Die Tatsache, dass cis Männer ihr Verhalten kaum reflektierten und durch ihren Aktivismus problematische männliche Stereotypen reproduzierten, zeigt: Feminismus war nie eine Basis der Gruppe. Cis Männer nahmen ihre Verantwortung nicht wahr und liessen die FLINT Personen im Stich, wenn es um feministische Politik ging.

Um den Jahreswechsel herum riefen mehrere Vorfälle die Thematik wieder ins Bewusstsein der gesamten Gruppe: In unserem Umfeld wurden mehrere sexualisierte Übergriffe verübt. Einer der Täter kam kurz danach in die RJG. Er schaffte es während mehrerer Wochen, seine Taten zu verheimlichen. Dies geschah mit klarer Mithilfe einzelner männlicher Gruppenmitglieder. Hinzu kam, dass die Thematisierung und Aufarbeitung der Vorfälle sowie der sexistischen Strukturen erneut in den Händen der FLINT Personen liegen blieb. Cis Männer der Gruppe haben lange desinteressiert zugewartet oder waren lange Zeit schlicht zu ignorant, um zu verstehen, wie es den FLINT Personen dabei ging, welche Energie sie investieren mussten und welche psychische Belastung dies mit sich führt. Während sekundär- und potenziell Betroffene die gesamte Last trugen, gab es kaum ernstzunehmende Unterstützung seitens der Männer.
Dieser Umstand hat uns aufgezeigt, dass wir einen harten Bruch vollziehen müssen, sowie dass eine organisierte und kritische Auseinandersetzung mit Männlichkeit eine Voraussetzung für die politische Praxis ist. Strukturelle Probleme können nur mit strukturellen Antworten bekämpfen werden. Mitglieder einer Gruppe mit revolutionärem Anspruch müssen ihre Ideale leben, dies geht ausschliesslich einher mit einem stetigen Reflexionsprozess.

In all den Jahren waren weit mehr als hundert Menschen Mitglied in der RJG, eine Vielzahl an Aktionen wurden durchgeführt, viele Menschen angesprochen und auf Themen aufmerksam gemacht.
Wir schafften es, dass Menschen mit kommunistischen und anarchistischen Positionen zusammenarbeiteten. Es gelang uns, auf der Strasse, dem zentralen Ort der gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung, präsent zu sein und der Gesamtscheisse ein bisschen eine Perspektive entgegenzusetzen. Despoten traten im Fernsehen auf, um uns als Terroristen zu bezeichnen, lokale Sicherheitsdirektoren wollten uns verbieten lassen.
Mit dem Bruch gehen auch die schönen, kämpferischen und stärkenden Momente in die Geschichtsbücher ein. Der Kampf geht weiter – aber ohne die Revolutionäre Jugend Gruppe

Die Revolution wird feministisch!