Weshalb klatschen wir? Es ist ein wunderschönes Zeichen der Solidarität mit dem hart arbeitenden Pflegepersonal und macht auch all unsere Nachbar*innen darauf aufmerksam, wer unsere Gesellschaft tagtäglich am laufen hält – nicht nur in Zeiten einer Pandemie.
Doch nach sechzig Sekunden ist dieser Moment der Solidarität auch schon wieder vorbei. Das Gesundheitspersonal, denen dieses Zeichen gilt, hatte wahrscheinlich kaum Zeit, in dieser Minute dem Klatschen zuzuhören. Denn ein Zeichen ist eben nur das: Ein Zeichen. 
Gerade am Freitag wurden die minimalen Schutzbestimmungen, die für das Pflegepersonal gelten, aufgehoben. Das heisst: Über 60-Stunden-Wochen ohne garantierte Pausen.
Vor der Coronakrise, als die Schutzbestimmungen noch in Kraft waren, war es nur marginal besser, denn den Pflegenotstand, den gibt es schon seit Ende der 90er Jahre: In den letzten zweiundzwanzig Jahren wurden in der Schweiz zehntausend Spitalbetten weggespart, gleichzeitig ist die Bevölkerung um über eine Million gewachsen (1). Insbesondere Pflegefachpersonen leiden unter diesen Abbaumassnahmen und klagen seit Jahren über miserable Arbeitsbedingungen.
Die Aussage von Bundesrat Berset an der Pressekonferenz vom 16. März – „Die normalen Arbeitsprozesse sollen garantiert werden“ (2)- ist blanker Hohn für Pflegende, die schon seit Jahren keine normalen Arbeitsprozesse mehr kennen, weil ihnen das Personal, die Infrastruktur, der Lohn und die Ferien weggespart werden. Die Krise des Gesundheitssystems wird vielen erst jetzt bewusst, weil wir schlagartig alle darauf angewiesen sein könnten. Doch insbesondere ältere Menschen, chronisch kranke Menschen und Menschen mit Behinderungen erleben dies auch ohne Coronavirus täglich.
 
Der Bundesrat beharrt so lange wie möglich darauf, dass jeder Arbeit wie gewohnt nachgegangen werden kann, auch solcher, die weder essenziell noch durch Home-Office ersetzbar ist, wie beispielsweise der Bau. Dass der Bundesrat und Grossunternehmen um jeden Preis versuchen, Profiteinbussen in Anbetracht der drohenden Wirtschaftskrise zu verzögern, zeigt, wo in diesem System die Prioritäten gesetzt werden. So werden Menschen trotz Ansteckungsgefahr gezwungen zu arbeiten. Je mehr Menschen unnnötig zur Arbeit müssen, desto mehr Menschen stecken sich gegenseitig an. Wenn mehr Menschen krank werden ist unser kaputtgespartes Gesundheitssystem noch schneller am Anschlag. Weil Profite und Produktivität über die Gesundheit der Bevölkerung gestellt werden, leiden am Schluss insbesondere Arbeiter*innen im Gesundheitswesen. Pflegende, Reinigungspersonal, Ärzt*innen, Kantinenarbeitende, Laborant*innen. Also diejenigen von uns, denen auch ohne Coronavirus ein zumutbares Arbeiten verwehrt wird.
 
Wir rufen dazu auf, beim solidarischen Klatschen für die Arbeiter*innen im Gesundheitswesen mit zu machen. Vor allem aber rufen wir alle dazu auf, konsequent für deren Arbeitsrechte einzustehen und sich allen bürgerlichen Abbaumassnahmen zu widersetzen. Spätestens nachdem wir diese Krise überwunden haben, müssen wir den Klassenkampf auf die Strasse tragen. Bis dahin sind kreative Aktionsformen und  Solidaritätsaktionen gefragt: Unterstützt, falls ihr jung und gesund seid, eure Nachbar*innen bei alltäglichen Aufgaben, die sie nicht selber erledigen können. Schreibt Briefe an politische Gefangene, die im Moment nicht einmal Besuch empfangen dürfen. Unterstützen wir Organisationen wie die Gassenküche, organisieren wir uns in unsern Betrieben. Widersetzen wir uns unseren profithungrigen Arbeitgeber*innen, die uns zum Weiterarbeiten zwingen, ohne unsere Gesundheit zu gewährleisten.
Und vor allem: Leben wir Solidarität! Nicht mit dem Bundesrat oder unseren Arbeitgeber*innen, sondern unabhängig von Nationalität mit unseren Mitarbeitenden, Nachbar*innen, und mit den marginalisierten Menschen, die unter dieser Krise am meisten leiden.
Durch diese Krise können wir unsere Augen nicht länger verschliessen vor dem d seit Jahrzenten dauernden Arbeitskampf des Pflegepersonals. Zeit dass wir uns endlich alle solidarisch zeigen und diesen Kampf mittragen! 
 
 
 
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