Wir haben das Gespräch mit den anarchistischen Genoss*innen von Tekoşîna Anarşîst welches Mitte September entstand übersetzt (quelle www.ainfos.ca). Da das Interview vor der neuen Kriegsphase entstand, wird es nicht auf den aktuellen Krieg eingehen, trotzdem finden wir es wichtig ihre Sichtweisen und Beweggründe hier wiederzugeben:

Gespräch mit Tekoşîna Anarşîst. Rojavas Vielschichtigkeit

Der Anarchist Struggle (Kurdisch: Tekoşîna Anarşîst) ist die organisierte Struktur von libertären Revolutionären, die aktiv dabei sind bei der anhaltenden Revolution in Rojava. Wir erhielten die Möglichkeit, ein Interview mit einem Kameraden zu führen. Im ersten Teil unseres Gesprächs diskutierten wir die Beziehungen zwischen dem anarchistischen Kampf und den marxistisch-leninistischen Organisationen und Widersprüchen in Rojavas sozialer Entwicklung aus anarchistischer Perspektive. Wir haben versucht komplizierte Fragen und unangenehme Themen nicht zu vermeiden und erhielten sehr bedeutungsvolle Antworten von Mitgliedern des Tekoşîna Anarşîst. Wir hoffen, dass dieses Gespräch wichtig sein wird für libertäre Lesende auf der ganzen Welt.

Hevale: Du machst mit beim International Freedom Batallion (IFB). Soviel wir wissen wird diese Struktur von marxistisch-leninistischen Parteien, wie unter anderen MLKP oder TKP-ML, organisiert. Wie schaffst du es, deine Beziehungen zu diesen Organisationen mit ihren militärischen Hierarchien und nicht-libertären Ideologien mit deinem libertären Sinn zu vereinbaren? Welche Vorteile siehst du in der Zusammenarbeit mit marxistisch-leninistischen Organisationen?
Tekoşîna Anarşîst: Das IFB entstand aus einem Bündnis von revolutionären Organisationen, hauptsächlich marxistisch-leninistische Zusammenschlüsse aus der Türkei, um die Revolution in Rojava zu unterstützen. Die Teilnahme von internationalen, vor allem anarchistischen, Kämpfer*innen und Freiwilligen, war immer ein sehr komplexer Punkt. Wir arbeiten bis zu einem gewissen Grad mit diesen Organisationen zusammen; dies aufgrund unserer Prinzipien gegen Sektierertum und als eine Art Bündnis von verschiedenen Kräften, welche Solidaritätsarbeit für Rojava leisten.  Das ist Teil unserer Lektion, die wir hier als Anarchist*innen lernten – unnötig Feinde zu machen ist eine schlechte Idee. Trotzdem sind diese Arten von Beziehungen eher strategisch und wir behalten immer im Hinterkopf, dass wir unsere eigenen Ziele haben, unsere eigenen Wege, die wir als Anarchist*innen gehen.
Während der Teilnahme der Anarchist*innen und andere Internationalen am IFB haben sie dauernd die politischen Entscheidungen infrage gestellt, die von diesen Parteien getroffen wurden. Oft war die Teilnahme der internationalen Kamerad*innen am Entscheidungsprozess ausgeschlossen.
Was die militärischen Hierarchien betrifft erkennen wir, als militärische Struktur, das Bedürfnis eine effektive Kampftruppe zu bilden. Dafür ist eine Art Befehlsstruktur nötig. Zum Beispiel habe wir als Struktur mehrere Positionen und Verantwortungsfelder, die innerhalb der Organisation verteilt und rotiert werden. Zum Beispiel hat ein Kollektivmitglied, welches die Verantwortung des Militärkommandanten übernimmt, eine gewisse Autorität in Kampfsituationen und ist verantwortlich für militärische Entscheide. Trotzdem hat ein Militärkommandant keine Autorität in unserem Alltag oder anderen Angelegenheiten, abgesehen von den militärischen.
Ausserdem versuchen wir im Alltag Mechanismen aufrecht zu erhalten, die uns erlauben, dem Auftauchen von informellen Hierarchien entgegenzuwirken und Gruppendynamiken zu handhaben.

Lorenzo Orsetti, Kämpfer vom “Anarchistischen Kampf”
Das IFB war schon immer eine Kampfeinheit der ersten Linie. Wir respektieren die Entscheide, die vom Bataillonskommandanten gefällt werden, solange dieser aufgrund seiner Erfahrungen und Fähigkeiten gewählt wurde und solange die militärischen Entscheide gemacht werden ohne das politische Programm zu stören. Wenn sich ein Kommandant als inkompetent erweist, bringen wir die Angelegenheit zum ‘Uni-Team’, das ist eine Art von Organisationskomitee des Bataillons, welches aus allen teilnehmenden Organisationen besteht. In Raqqa zum Beispiel war die IRPGF, eine anarchistische Organisation des Bataillons, Teil dieses Komitees.
Sehr allgemein gesagt und verglichen mit staatlichen und paramilitärischen Formationen sind Strukturen wie die IFB in mancherlei Hinsichten viel demokratischer und freier.
Hier, im Gegensatz zu einigen unserer anarchistischen Kameraden, benutzen wir das Wort ‘demokratisch’ nicht in einem libertären Sinne, sondern eher auf neutrale Art und Weise. Dies, um ein ‘bottom-top’-System zu unterstreichen, das den Teilnehmenden erlaubt, Einspruch nach oben zu erheben und gegenseitige Kritik anzubringen. Jedoch beinhaltet es keine innere Mechanismen um autoritären Tendenzen vorzubeugen und Machtpotential, was in solchen Strukturen immer dargestellt wird, zu regulieren und auszugleichen. Wir betrachten demokratische Mittel nicht als etwas, von dem wir organisatorisch und politisch als Anarchisten Gebrauch machen; wir haben eine andere Auffassung von ‘demokratisch’ wie auch von ‘libertär’ oder ‘anarchistisch’. Dies aufgrund unserer Kritik am Begriff ‘Demokratie’ sowie an seinem Gebrauch in politischen Bewegungen sowie unserer Analyse von Demokratie. Das ruht auf anarchistischer Erfahrung mit Demokratie weltweit. Es steht für etwas anderes als für den demokratischen Konföderalismus und dafür gibt es Gründe.
Die Ideologie des sogenannten neuen Paradigmas versucht dieses Wort neu zu erfinden und es für die Beschreibung der freien Zivilisation zu benützen, nach der dieser Begriff strebt. Trotzdem hält uns diese Differenz nicht davon ab, verschiedenen Kameraden hier in Rojava zuzuhören und offen zu sein für verschiedene Diskussionen, zu sehen, woher alle kommen, historisch sowie politisch, und daraus zu lernen. Es ist ein sehr einmaliger Rahmen und den aus politisch westlicher Perspektive zu betrachten und zu kritisieren wäre ein Fehler. Wir sollten sorgfältig beobachten und zuhören und uns nicht davor scheuen, herausfordernde Ideen aufzugreifen und uns damit zu stärken.
Allgemein ist der bewaffnete Kampf und die politische Organisierung, in Rojava sowie in unserem gewohnten Kontext voll mit Widersprüchen und wird es auch immer sein. Das ist die Lektion, von der wir als Anarchist*innen die Möglichkeit haben zu lernen und unsere Position darin zu finden. Um diese Frage zusammenfassend zu beantworten kann man sagen, wir unterscheiden uns von allen maoistischen und marxistisch-leninistischen Gruppen, die sich hier in Rojava befinden, aber trotzdem können wir in manchen Angelegenheiten viel von ihnen lernen.


Erinnerungszeremonie für den gefallenen anarchistische Kamerade Lorenzo Orsetti
Hevale: Die Ideologie der Revolution in Rojava, d.h demokratischer Konföderalismus, fördert direkte Selbstregierung und gesellschaftlich orientierte Ökonomie. Trotzdem sieht man, dass es immer noch unklar ist, welche Institution eigentlich Rojava leitet. Nebst Räten existieren einige para-staatliche Strukturen wie Ämter. Die Struktur von Mandaten und Wahlen in den Räten ist auch unklar. Auch existiert eine gewisse fortwährende Kontrolle der Gesellschaft durch die Partei PKK. Auch ökonomisch gesehen beobachten wir ziemlich weitverbreitete, kapitalistische Beziehungen. Die Partei kontrolliert Schlüsselstellen der Wirtschaft (Ölförderung) und es ist unklar ob sich diese Situation ändern wird. Was ist deine Analyse und Erwartung von weiteren sozialen Entwicklungen in Rojava unter diesen Umständen?
Tekoşîna Anarşîst: Wir haben diesbezüglich zwei verschiedene Ansichten zu diesem Thema.
Einerseits kann man einfach mit dem Kader der Partei ins Gespräch kommen und Diskussionen führen über genau diese Themen und einige von ihnen antworten dir ehrlich, dass die Situation hier eher ein Scheitern und ihre Ideologie von demokratischem Konföderalismus sehr anders ist als die praktische Realität . In Anbetracht dessen, dass sie nur kleine Teile davon erreicht haben, was die Revolution angestrebt hat, sehen sie das eher als starke Motivation sich selber zu hinterfragen und alles dafür tun, die Realität zu ändern.
Und wir als Anarchist*innen müssen auch oft erkennen, dass unsere Ideen, das Leben, das wir leben und die Welt um uns herum, sehr weit von einender entfernt sind. Also wie nähern wir uns dem? Entweder sehen wir ein, dass dies die Realität ist, da wo wir stehen, und dass wir noch einen langen Weg vor uns haben, oder wir verstecken diese Fragen hinter einer blinden, engstirnigen Haltung. Beide Möglichkeiten sind hier vertreten und unsere Analyse kommt von einem Punkt aus kritischer Kameradschaft.
Hier in Rojava arbeiten wir und viele andere Kameraden zusammen in Solidarität mit Leuten von Nordostsyrien, wir haben an ihrer Seite gegen den IS gekämpft, sowie auch gegen die türkische Armee und ihre Stellvertreter. Dies ist eine der Arten, wie wir solidarisch sind mit der Bewegung hier.
Aber das Verstehen ‘der Bewegung’ ist auch etwas, das unsere Position beeinflusst. Wer ist ‘die Bewegung’? Sind es die Partei und ihre Kader? Sind es all die Institutionen und Räte, die hier existieren? Oder ist ‘die Bewegung’ dargestellt durch all die ‘welatparez’ Familien und Märtyrer, die ihre Leben gaben für die aktuelle, nicht perfekte Realität in Rojava unter diesen sehr harten Konditionen? Oder ist ‘die Bewegung’ auch verkörpert durch alle Personen, die ein besseres Leben wollen, die jeden Tag mit der Härte der Wirtschaft in Kriegssituationen kämpfen, die trotz Verluste ihrer Liebsten immer noch auf unsere Seite stehen, einfach weil Assads Regime, die Türkei oder der IS für den grössten Teil der Bevölkerung nur noch schlimmere Realitäten darstellen würden? Verschiedene Personen hier definieren dies unterschiedlich.
Offensichtlich ist die tatsächliche Ausführung von demokratischem Konföderalismus hier bekannt für radikale soziale Veränderungen, die in den benachbarten Regionen mehrheitlich libertäre Absichten vertreten. Jede*r hörte von Genderquoten  und Frau/Mann Co-Präsidien in Räten und Gemeinden. In Mala gel (Haus der Leute) und Mala jin (Haus der Frauen) und auch in den Gemeinden gibt es Bildung, damit die Ideen von sozialem Wandel geteilt und diskutiert werden können. Bildung ist für jede Person zugänglich und gratis.
Es gibt auch Konflikt-Lösungs-Prozesse, sodass Konflikte auch lokal gelöst werden können anstatt ans Gericht getragen zu werden. Aber natürlich gibt es sowohl ein Rechtssystem wie auch Gefängnisse, die hier eine Realität darstellen in der fortschreitenden Bürokratie und Kontrolle, die auch zentralisierte Entscheidungsfindung beinhaltet. Hier stellt sich die Frage von sozialem Wandel und beispielsweise der Abschaffung von Gefängnissen, demgegenüber Herausforderungen wie Aufstände des IS und allgemein der ökonomischen und geopolitischen Situation stehen.


Kampf-Sanitäter des «Anarchistischen Kampf»
In gewisser Weise ist die Situation so komplex, dass wenn man zu wählerisch ist, mit wem zusammenarbeitet oder nicht, eine Entscheidung zwischen Tod und Leben sein kann. Es mag sich so anhören, als wären wir sehr pragmatisch über die Realität hier, aber da wo wir herkommen, ist es ein Bedürfnis, gerade dank diesen Wiedersprüchen von diesem Ort und den Events zu lernen.
Zweitens stellt alles, was wir im Moment in Rojava sehen, eine sehr herausfordernde Situation dar, die uns Hinweise geben kann, wie es in naher Zukunft aussehen könnte.
Die Tatsache ist, dass nach der militärischen Niederlage des Kalifats im März 2019, der Kampf gegen den IS noch lange nicht fertig ist. Jihadisten und deren Ideologie in der Wüste zu bekämpfen ist ein sehr schwieriges Ziel, das eher erreicht werden kann, wenn man, neben dem bewaffneten, einen sozialen Kampf führt, vor allem mit starker Organisation der Frauen und der Jugend.
Schläferzellen des IS verstärkten ihre Aktivität und im Moment ist es eine eindeutige Guerilla Kriegsführung, die sowohl Schlüsselpersonen in den sozialen Strukturen angreift sowie auch militärische Errichtungen innerhalb der SDF (SDF steht für den Dachverband der ‘Syrian Democratic Forces’). Nebenher brennt die Ernte in grossem Ausmass und wir haben dadurch andere tagtägliche Herausforderungen, sodass jeder Angriff des IS uns doppelt so hart trifft. Die IS Ideologie ist nichts, was in naher Zukunft ausgeschaltet werden kann.
Rojava steht einer schwierigen ökonomischen Situation gegenüber. Manchmal wird sie auch “Kriegskommunismus” genannt, ist aber ökonomisch und politisch gesehen weit davon entfernt von bolschevistischen/ stalinistischen Szenarien. Rojava steht unter einer Art von Embargo und muss sich auf Schmuggel und Diplomatie verlassen, während die Wirtschaft nicht gänzlich durch die Administration Rojavas kontrolliert wird; es gibt eine Mischung mit Gebieten, in welchen Autoritäten des Assad-Regimes die Kontrolle haben.

Trotzdem ist es nicht möglich alles zu schmuggeln. Sachen wie zum Beispiel Gasturbinen werden dringend benötigt. Diejenigen, die im Moment in Gebrauch sind, sind sehr alt und müssen ausgewechselt werden. Aber wie sollte man eine Gasturbine nach Rojava bringen? Die ganze geopolitische Situation ist extrem komplex und das nicht nur in ökonomischem Sinne. Sie lässt uns andauernd die Wahl zwischen dem kleineren und dem grösseren Übel und der Kooperation mit Feinden.
Das System von Kooperationen ist inspirierend aber bleibt eher gering und liefert keine Antworten zu den sehr komplizierten ökonomischen Fragen, die mit dem Kapitalismus verbunden sind. Es gibt auch immer noch Grossgrundbesitz des Assad Regimes oder syrischen Geschäftsleuten in Rojava. Und obwohl es Versuche gibt, ökologische Perspektiven zu entwickeln, ist die Klimakrise deutlich bemerkbar. Das könnte auf Dauer das noch grössere Problem darstellen.
All das lässt nicht viel Raum für radikale Schritte in nächster Zukunft in Richtung alternative Wirtschaftsformen. Das heisst aber nicht, dass die Leute aufgeben und nicht das Beste aus den Zuständen vor Ort versuchen zu machen. Aber was ist mit Leuten, die nicht wirklich Teil der Bewegung sind, Leute die sich des Krieges leid sind oder die in Anbetracht ihrer materiellen Situation nicht wissen, welche Seite der Barrikade sie wählen sollen? Das alles zusammen sind Herausforderungen, denen wir uns hier im Moment stellen müssen.
Im Moment betrachten wir die Frauenbewegung und die autonomen Frauenstrukturen als sehr wichtig für alles, was in Zukunft geschehen wird. Aus allen Aspekten des Kampfes und der Bewegung in Rojava sehen wir die Frauenbewegung als etwas, das an vorderster Front des sozialen Wandels steht und das die radikalsten und progressivsten Tendenzen in der Gesellschaft und auch der Bewegung repräsentiert. Die Verteidigungstruppen der Frauen, autonome Räume zur Entwicklung von Frauen-orientierter Wissenschaft, historisches Wissen und Konfliktlösungen, alles von Frauen geführt. Das ist ein unglaublicher Wandel für diese Region und muss unbedingt aufrechterhalten werden.
Schlussendlich sind viele Fragen und Probleme Teil des Gegenstandes der Diplomatie. Das ist durch die Drohungen der Türkei und den Umgang mit Assads Regime zunehmend schwerer zu handhaben, indirekt gibt es auch Schwierigkeiten mit dem Iran und anderen politischen Figuren. Geopolitik bleibt ein grosses Forschungsthema und ist andauernd ein Feld von verzwickten politischen Spielchen.
Als Anarchist*innen befinden wir uns eher in einer Situation, in der wir wenig beeinflussen können. Jedoch können wir aus der Situation, vom Ort und von der Ideologie lernen. An jedem anderen Ort auf der Welt würden idealistische Sichtweisen und praktische Entwürfe der Idee, wie sozialer Wandel  stattfinden sollte, hart konfrontiert werden. Wir müssen einen Denkansatz entwickeln, der uns erlaubt, flexibel, offen und verständlich zu sein sowie unser anarchistisches Terrain, unsere anarchistische Ideen weiter belebt und welcher es uns erlaubt, gut organisiert zu sein.


 Kämper des “Anarchist struggle” feiern zusammen mit anderen YPG/YPJ Kamerad*innen den Sieg über den IS.
Hevale: Alle Aufgaben in Rojava werden mit strengen Begrenzungen verteilt. Zum Beispiel haben Personen aus den militärischen Strukturen meistens fast keine Möglichkeit sich in sozialen Fragen einzubringen. Auch gibt es in jeder Institution in Rojava verantwortliche Menschen, die einfach deine Befähigung zu handeln oder irgendeine Initiative umzusetzen einschränken können. Was denkst du sind eure realistischen Hilfsmittel, die Gesellschaft und die Bewegung zu beeinflussen?
Tekoşîna Anarşîst: Die Teilung von militärischer und ziviler Gesellschaft verläuft nicht immer strikt. Wir können auch über die Jugendbewegung sprechen, die in sich eine zivile Struktur ist und völlig verankert ist in der Zivilgesellschaft. Sie schaltet sich ein in sozialen Themen und spielt eine aktive Rolle in der Gesellschaft. Aber gleichzeitig sind sie sehr nahe an der militärischen Mentalität und am militärischen Organisationsstil. Sie haben auch Militärakademien. Einige Strukturen, vor allem Jugendstrukturen, werden als Vorhut der Gesellschaft gesehen und sollen diese beeinflussen um eine militante Denkart zu entwickeln und die Ideologie des demokratischen Konföderalismus zu verbreiten.
Ein anderes gutes Beispiel ist Hêzên Parastina Civakî (HPC), eine bewaffnete zivile Selbstverteidigungsmiliz, die aus autonomen Frauen- und Männerstrukturen besteht. Diese Strukturen sind anders organisiert als die des Militärs, sie arbeiten mit dem Konzept der Selbstverteidigung und beruhen vor allem auf sozialer Selbstorganisierung. Ja sie haben ihre eigenen Kader, aber sie sind immer noch viel näher and dem was man wahrscheinlich versteht unter dem Begriff der Selbstverteidigung als es die YPG/YPJ ist oder gar die SDF, deren Organisation viel mehr den Militärstrukturen gleicht.
Es gibt viele Beschränkungen und Details im Funktionieren der revolutionären Strukturen hier in Rojava, ob zivil oder militärisch. Es gibt eine mehr oder weniger strenge Dynamik der Kontrolle von internationalen Freiwilligen und Beschränkungen ihrer Initiativen. Manchmal kann die Beziehung zwischen den ‘Verantwortlichen’, dem Kader, und den Menschen unter deren Verantwortung ziemlich toxisch hierarchisch sein.
Manche Strukturen organisieren zusammen mit den internationalen Freiwilligen die Verantwortung für spezifische Strukturen. Die Bewegung hier lädt die internationalen Freiwilligen ein, in der Hoffnung gewisse Ziele zu erreichen, spezifische Absichten. Dies stimmt nicht zwingen mit dem überein, was die internationalen Freiwilligen dazu beitragen können odedr wollen. In anderen Worten, es gibt oft Unterschiede in dem was die internationalen Freiwilligen machen wollen und was ihnen die Partei sagt, was sie machen sollen. Trotzdem sind nicht alle Türen geschlossen für alle Initiativen, auch wenn eine wirkliche Beeinflussung und die Arbeit mit der Bevölkerung immer noch eine sehr komplexe Frage darstellt.


«Anarchist Struggle» — Tekoşîna Anarşîst
Es ist wichtig zu verstehen wie die Dinge hier laufen, wie Arbeit erledigt wird, wie die Kommunikation zwischen den Organisationen und ausserhalb funktioniert. Dies unterscheidet sich sehr stark von den Ländern, aus denen die internationalen Freiwilligen kommen. Aber es gibt immer die Möglichkeit, ein Ziel zu erreichen. Aber es verlangt auch sehr viel Arbeit, Planung, und Vorausdenken über was du tun wirst und wie du es tun wirst. Man muss darauf vorbereitet sein, sehr viel Networking zu betreiben und selber neue Menschen kennen zu lernen. Man muss die Arbeit, die man tun möchte oft präsentieren und darauf beharren und darstellen, wie sich diese mit der Arbeit der Bewegung verbinden lässt, derer Perspektiven und Ideologie. Ausserdem ist es sehr wichtig, die Beziehungen zwischen den Menschen zu verstehen und ihr sozialer Code. Zum Beispiel finden Diskussionen und Meetings im Bezug auf die Arbeit meistens statt während sozialen Events und es gibt kaum eine Trennung zwischen sozialer Interaktion oder einem Event und ein Arbeitsmeeting oder einer Diskussion. Am wichtigsten sind die Sprachkentnisse. Ohne die ist man kaum in der Lage irgendetwas zu tun. Gute Kenntnis von all dem ist etwas, das nützlich sein kann um ein Teil des Geschehens zu sein.


In den Worten unseres gefallenen Kameraden und lieber Freund şehîd Şevger Makhno, der getötet wurde bei der Verteidigung Afrins vor der türkischen Invasion, wir selber können nicht eine grosse Veränderung bewirken in dem was passiert, aber das was passiert wird eindeutig eine grosse Veränderung in und für uns bewirken. So stehen wir hier in Rojava zwischen einem Teil des Geschehens zu sein und davon zu lernen.

Teil 2 folgt.