Eines vorweg: Wir werden uns nicht grundsätzlich für oder gegen Gewalt aussprechen. Denn ob, wann, und wie Gewalt angewendet werden kann oder muss ist von der jeweiligen Situation und Grundsätzlich von der Definition von Gewalt abhängig. Die Frage zur Gewalt, die nur mit „Ja“ bzw. „Nein“ beantwortet werden kann, beantworten wir nicht.

Wir werden Gewalt nicht verherrlichen, genauso wie wir nicht Pazifismus predigen.

Wichtig scheint uns aufzuzeigein, was Gewalt eigentlich ist und wo sie beginnt.

Ausbeutung ist Gewalt, Krieg ist Gewalt und Polizisten mit Steinen zu bewerfen ist Gewalt. Jedoch unterscheiden sich diese drei Beispiele markant.

Ausbeutung                                                                                                       Jeder Mensch, der nicht über Eigentum verfügt, mit dem er mehr Geld machen lassen kann, muss sich zwangsläufig ausbeuten lassen. Das heisst, er muss seine Arbeitskraft an einen Kapitalisten verkaufen. Damit sich dies für den Kapitalisten auch lohnt, bekommt der/die Arbeiter_in nur einen kleinen Teil des von ihm/ihr erarbeiteten Werts. Wenn er/sie sich der Ausbeutung verweigert, bekommt mensch auch kein Geld, bzw. kein Mittel, um die grundlegendsten Bedürfnisse des Lebens zu decken. Fast alles, was ein Mensch zum Leben braucht, kann in diesem System nur über Geld beschafft werden. Wenn mensch sich nun diesem Zwang bzw. dieser Gewalt, „sich ausbeuten zu lassen“ widersetzt, gerät mensch schnell mit dem Gesetz in Konflikt (Streikrecht, Demonstrationsrecht). Die Gewalt ist hier also gesetzlich legitimiert.

Es ist reine Gewalt, wenn ein hungernder Mensch von Nahrungsmitteln ausgeschlossen wird, nur weil er kein Geld hat und keine Möglichkeit, sich ausbeuten zu lassen. Es ist reine Gewalt, wenn Menschen zum eigenen Überleben für den Reichtum des Besitzenden schuften müssen. Damit ja niemand auf die Idee kommt, an diesen Verhältnissen von Ausbeutung und Profitmaximierung zu rütteln, gibt es den Staat. Er besitzt das Gewaltmonopol, das heisst, wenn der Staat Gewalt ausübt ist sie rechtens, also durch das Gesetz legitimiert. Der Staat garantiert das Recht auf Eigentum und kann dies, wenn es sein muss, sehr gewalttätig (durch Polizei und im Notfall durchs Militär) verteidigen (Schüsse auf Einbrecher, Einsperren von Betrügern…).

Krieg                                                                                                         Heutzutage werden Kriege, so könnte man meinen, „im guten Sinne“ geführt. Das heisst: Kriege „gegen den Terror“ oder „gegen Diktatoren“ – und „für die Demokratie“. Dabei haben diese Kriege nichts von der schrecklichen Gewalttätigkeit, die zum Krieg gehört, verloren. Im Gegenteil: Die perfide und unberechenbare Kriegsmaschinerie tötet, vergewaltigt und foltert heute auf einem technisch noch nie dagewesenen Level. Kriege werden von Staaten geführt und diese legitimieren sie. Wenn ein Staat aus „humanitären“ Gründen und für das „unterdrückte Volk“ in den Krieg zieht, ist dies von weiten Teilen der heimischen Bevölkerung akzeptiert, da die Staatsgewalt ja dem Krieg die Legitimität gibt – der Staat die Gewalt in der Form des Krieges also gutheisst (Dass hinter den geführten Kriegen ganz andere Interessen stehen als vordergründig gepredigt wird, steht auf einem anderen Blatt).

Die Absurdität des staatlichen Rechtsanspruchs und des Gewaltmonopols zeigt sich anhand seiner Ungleichbehandlung ein und derselben Tat. Erschiesst Du jemanden auf offener Strasse ohne jeden Grund, wanderst du für 20 Jahre in den Knast. Ziehst du aber nach der Kriegserklärung deiner Nation an eine Andere in den Krieg, dann kannst Du hunderte Menschen gedankenlos und vor allem FOLGENLOS für dich abknallen.

Im besten Fall bekommst du vielleicht sogar einen Orden für „Besondere Verdienste“ verliehen. Als Offizier wird man vielleicht befördert – und Strassen und Plätze nach einem benannt.

Auch die von ganz links bis halbrechts beschworenen Menschenrechte haben tiefe Widersprüche in sich. So darf ein Staat nicht foltern oder töten – es sei denn, es dient „der rechtmässigen Niederschlagung eines Aufstandes“ (Artikel 2 Abs. 2). So einfach machen es sich die Mächtigen, wenn es um die Legitimation der eigenen Herrschaft geht.

Ein mit Steinen beworfener Polizist
Täglich lesen wir in den Medien von Vandalen, Gewalttätern und (die neuste einfallsreiche Wortschöpfung) Krawalltouristen. Diese Art der Gewalt, die sich nicht im legalen, vom Staat vorgegebenen gesetzlichen Rahmen wiederfindet, soll von der Bevölkerung als besonders abstossend empfunden werden. Diese Art der Gewalt, die nicht zur Durchsetzung des Rechts oder zur „Herbeiführung der Demokratie“ dient und den Herrschenden nichts nützt, wird mit allen Mitteln bekämpft. Diese Art der Gewalt richtet sich gegen die Herrschenden, die beispiellos und gnadenlos zurückschlagen.

Zum Repressionsrepertoire dienen unter anderem Gummischrot und Tränengas an unbewilligten Demonstrationen. Diffamierung von politischen Aktionen als „hirnlose Vandalenakte“, verübt durch eben jene „Krawalltouristen“. Diese Verunglimpfungen werden brav durch die bürgerlichen Medien verbreitet. Weiter verfolgt und überwacht der Nachrichtendienst des Bundes unliebsame BürgernInnen. Sogenannte „illegale Flüchtlinge“ werden eingesperrt und ausgeschafft.

Relevanz?                                                                                                       Jugendgewalt oder Diebstahl sind viel diskutierte und verurteilte Themen in der heutigen Gesellschaft. Die Gewalt, die uns am Arbeitsplatz, in der Schule oder beim Einkaufen beherrscht, wird jedoch kaum diskutiert. Die Gewalt, die tagtäglich an den Grenzen Menschen umbringt, die Gewalt, die 302 Minenarbeiter in Soma auf dem Gewissen hat, die Gewalt, die Tag für Tag 100’000 Menschen und mehr an Hunger sterben lässt wird verfälscht und als „Schicksal“, „Tragödie“ oder „Missstand“ bezeichnet. Als gottgegeben wird all dies dargestellt – als ob nichts von dem reale, veränderbare Ursachen hätte.

Genau diesen Zustand gilt es aufzubrechen. Wir wollen aufzeigen, wo überall im Alltag ich/du/wir von Gewalt betroffen sind. Gewalt ist nämlich sehr viel präsenter und subtiler, als die Schlägerei am Samstag Abend vor dem Club. Die Gewalt, die dafür sorgt, dass weiterhin ein paar Wenige auf Kosten der Erde und der gesamten Menschheit ausbeuten und unterdrücken können: Diese Gewalt gilt es sichtbar zu machen und anzugreifen. Beginnen wir damit – jetzt, hier, immer und überall!

Denn uns graust es nicht davor, Samstags um Mitternacht durch den Bahnhof zu laufen. Für uns sind die Morgen der Montage, Dienstage, Mittwochs, Donnerstage und Freitage wesentlich gewalttätiger.

Ob friedlich oder militant – wichtig bleibt der Widerstand!

Für eine herrschaftsfreie, gewaltlose Welt!

Unbenannt