Eine Genossin ist zurzeit auf der griechischen Insel Lesbos. Sie hilft vor Ort den Menschen auf der Flucht. Ihre Erfahrungen und Eindrücke schildert sie eindrücklich aus erster Hand. Sie macht klar, es braucht uns alle und es ist notwendig für eine grenzenlosen Gesellschaft zu kämpfen!

Lesbos – der Ort, der 2015 bekannt wurde als Zufluchtsort für so viele geflüchtete Menschen. Doch ist es nun ein Zufluchtsort oder die nächste Hölle, die über die Menschen einbricht? Wenn ihr mich fragt, dann ist es die nächste Hölle.

Das Camp welches eigentlich für 3500 Menschen ausgelegt ist, beherbergt nun mehr als das Doppelte und täglich kommen bis zu 100 neue Menschen an. Die Menschen stehen für das Essen ungefähr zwei Stunden an. Von Aussen sieht es aus wie ein Hochsicherheitsgefängnis. Und für die Leute welche drinnen arbeiten, ist es trostlos und auch schwierig auszuhalten.

Meine Aufgabe als Pflegefachfrau ist es, täglich, mit den Menschen zu reden und dadurch herauszufinden was ihnen fehlt. Meistens sind es Probleme, die mit der Psyche anfangen und körperliche Symptome daraus entstehen, wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit etc.
 Mir begegnen tagtäglich Menschen, die gefoltert wurden, mir unter Tränen ihre Geschichte erzählen und sich am Ende bei mir bedanken für mein Engagement und unsere Solidarität. Viele Frauen welche Vergewaltigungs- oder Gewaltopfer sind, werden durch MSF (Medecin sans frontiere) begleitet, so auch die Kinder welche Traumata erlitten haben. Die tägliche Arbeit meinerseits beinhaltet zu tragieren und abzuwägen was die Patienten benötigen, in welcher Form etc.
 Ich darf dabei mit geflüchteten Menschen zusammenarbeiten, welche die Übersetzung machen.


Die meisten Menschen, die Lesbos erreichen, kommen aus Syrien, Afghanistan, Kongo, Eritrea oder Somalia. Das Camp ist nicht ausgerichtet für so viele Menschen, was an der mangelnden Infrastruktur sichtbar wird. Die meisten Flüchtlinge im Camp haben das Gefühl, dass sie benachteiligt werden und zu wenig Mittel erhalten würden – die Konsequenz aus diesem Gefühl ist Diebstahl. Beispielsweise wurde einem älteren Mann die Herzmedikamente gestohlen und er hatte kein Geld um sich neue zu kaufen schliesslich habe ich ihm das Geld gegeben um neue Medikamente kaufen zu können. Solche Dinge sind für die Menschen im Camp Alltag.
Eine wunderbare Bekanntschaft durfte ich mit einem Mann machen, der aus Syrien geflüchtet ist. Er erzählte mir, dass er dort ca. 5 Jahre in einem Gefängnis war und gefoltert wurde. Beim ersten Gespräch mit mir nahm er meine Hand und sagte mir; „streiche mal über meinen Kopf die haben mir mit einem Gegenstand auf den Kopf geschlagen“ – ich konnte die Narben spüren, an den Armen alle Einschnitte sehen, an den Händen die Narben von den Zigaretten, die sie auf ihm ausgedrückt haben. Und trotzdem lachte er und sagte mir, auch wenn es nicht dass ist was ich mir vorgestellt habe, ich habe es geschafft. Zudem meinte er, dass solche Menschen, welche ihre Zeit, ihre wertvolle Zeit für ihn und die anderen Geflüchteten opfern, um ihnen zu helfen, würde ihm den nötigen Glauben, dass es besser werden kann geben. Und dass die Menschen in Syrien oder wo auch immer sie sind oder herkommen, nicht allen Menschen egal sind.

Die Kinder sind die leidtragenden wenn ihr mich fragt, die müssen in einer solchen Umgebung aufwachsen. Sehen tagtäglich Leid, Krankheiten, Diebstahl, Eifersucht und vieles mehr, was sie in ihrem kurzen Leben nicht sehen sollten.

Von der griechischen Bevölkerung habe ich noch nicht viel mitbekommen, da wir nicht viel Kontaktpunkte haben. Eine Erfahrung gab es, als ich aufgrund meiner Hautfarbe in einem Restaurant nicht bedient wurde. Aus Gesprächen mit anderen freiwilligen Helferinnen und Helfer erfuhr ich, dass dies schon mehrmals vorgekommen sei. Rassismus ist Alltag für die geflüchteten Menschen.

Vorläufiges Fazit- die Notwendigkeit zu helfen ist sehr gross, da die Länder und jetzt in diesem Fall Griechenland „überfordert“ sind mit der momentan Situation. Seit Beginn der sogenannten „Flüchtlingskrise“ im Jahre 2015, besteht die Hilfe für die geflüchteten Menschen fast nur noch aus NGO & einzelnen Personen.

Es ist schon längst an der Zeit für sichere Fluchtwege, offene Grenzen und den Abriss der Festung Europa!!

Solidarische Grüsse aus Lesbos

(aus dem Camp Moria, August 2019)