Wir waren als nicht-neutrale Beobachtende vor Ort, haben viele Fotos geschossen. Aber nicht aus journalistischer Aussenperspektive sondern in der Innenperspektive. Wir haben Gespräche geführt und versucht, die Motivation der Menschen besser zu verstehen. Wichtig dabei ist, dass die Bewegung in Paris nur einen kleinen Teil der gesamten gilets jaunes repräsentiert. Wir haben deshalb keinen Anspruch auf vollständigkeit.

Was ist passiert:
Am Morgen schlossen wir uns den Aufrufen von antifaschistischen und antikapitalistischen Gruppen an, sich beim Bahnhof St. Lazar zu versammelten. Von dort aus liefen die Gelbwesten zuerst für gut zwei Stunden unbewilligt durch das Quartier. Die Polizei platzierte sich rund um das Quartier und formte einen grossen Kessel, welcher einem Freiluftkäfig nahe kam. Viele Protestierende realisierten die Polizeistrategie nicht sofort und so wurden immer wieder Versuche unternommen, doch noch das Quartier in Richtung Stadtmitte zu verlassen. Die Polizei hinderte die Menschen jedoch mit einem riesigen Aufgebot daran. Zudem versuchten sie, die Massenumzüge immer wieder in kleinere Umzüge zu teilen. Die Protestierenden antworteten sehr zurückhaltend und friedlich, viele empörten sich, dass die Polizei sie trotz der friedlichen Stimmung nicht weiterlaufen liess. Ein anderer Einsatz, welcher viele Polizeikräfte von unserem Ort abzog ermöglichte es Tausenden, in Richtung zu Elysée zu laufen. Der Marsch dort hin glich eher einem riesigen Spaziergang.

Mit diesem riesigen Umzug gelang es, nahe an den zentralen Triumphbogen heranzukommen. Dort stoppte die Polizei mit massivem Tränenengaseinsatz die Gelbwesten. Erste Protestierende schlugen daraufhin den parkierten Polizeiautos die Scheiben ein. Daraufhin zogen sie die Fahrzeuge ab und wurden dabei noch massiv mit Steinen und Flaschen beworfen.
Die Polizei versuchte dann auf den nächsten hundert Meter immer wieder die Protestierenden auf Distanz zu halten. Aus dem Umzug heraus kam eine grosse militante Antwort, es wurden Steine geworfen, Strassenbarrikaden gebaut, und auch immer wieder versucht, mit der Masse die Polizeiwand zurückzudrängen. Vieles von dem funktionierte und die Polizei musste kontinuierlich Strassenmeter freigeben. Je länger die Auseinandersetzung dauerte, desto gewalttätiger wurde die Polizei. So wurden Hunde auf die Demosanitäter*innen gejagt, Fotografen mit Pfefferspray eingesprüht und Demonstrierende brutal niedergeknüppelt. Flashballs (Schockgranaten) verletzten durch ihre starke Druckwelle bei der Explosion viele Leute. Auch das grosskalibrige Gummischrot wurde nahezu immer auf Kopfhöhe abgefeuert. Es handelt sich dabei um die selbe Art 40mm-Granatwerfer, wie sie die Polizei in Bern neuerdings auch einsetzt.
Im erkämpften Raum in der „Avenue de Friedland“, in der nähe des Triumphbogens wurden einige Luxusgeschäfte aufgebrochen, anderen die Scheiben zerstört.

Anders als oftmals zu erwarten wurden die Waren nicht sofort entwendet und mitgenommen, sie wurden in hohem Bogen auf die Strasse geworfen, alle konnten sich bedienen, wobei der grössere Teil auf die brennenden Barrikaden flog. Auch das Mobiliar der Läden wurde zum Barrikadenbau verwendet. Zudem wurden teure Autos umgedreht und angezündet. Nach einigen Stunden konnten die Barrikaden nicht mehr gehalten werden und die Protestierenden mussten sich zurückziehen.

Was für Leute waren dort?
Kurz gesagt: Alle. Wir sahen sehr viele proletarisierten Menschen, Menschen welche Tag für Tag zur Arbeit fahren, Menschen welche du jeden Morgen im Zug siehts, Leute die beim Einkaufen mit dir in der Schlange stehen oder hinter der Kasse sitzen.
Die auffallend grossen Beteiligung von jungen Frauen zeigt, dass auch die sexistische Ausbeutung der Arbeiter*innen eine Motivation darstellt, sich an den Protesten zu beteiligen. Zudem sah man junge Migrant*innen welche ihrer Wut über die tagtägliche Diskriminierung ausdrückten, oder ältere Menschen welche durch die Kürzungen der Renten den Druck der Regierung auf ihr Portemonnaie spüren und sich darum den Protesten anschliessen.

Wie agierte die Linke?
Zu Beginn der Proteste waren einige linke Gruppierungen wie auch u.A. Gewerkschafter*innen der SNCF präsent. Bei den Protesten im Zentrum und den darauf folgenden Strassenkämpfen sah man relativ wenig „typische“ Linke. Anarchist*innen beteiligten sich jedoch den ganzen Tag an den Protesten, sie sprühten Parolen, leisteten direkte Unterstützung durch eine eigene Antirepressionsstruktur und beteiligten sich am Barrikadenbau und dem Kampf gegen die Polizei.
Anarchist*innen haben viel dafür investiert, dass ihre politischen Ideen sichtbar wurden und haben auch unterstützende Funktionen eingenommen.

Abseits der grossen GiletesJaunes Protesten im Zentrum der Stadt zog eine grosse Demo gegen den Klimawandel durch Paris. Daran beteiligten sich viele Parteien, Organisationen und Gewerkschaften. Uns fehlte dort ein klassenkämpferischer Charakter und wir empfanden die Stimmung als zu befriedet und routiniert. Spontanität und Wut fehlten, auch wenn versucht wurde die beiden Bewegungen zu vereinen.

Was war mit den Rechten?
Auf dem Weg nach Paris begegneten wir einer grösseren Gruppe Rechter, welche auf dem Weg zu einer Demonstration war. Jedoch in Paris hatten die Rechten keine Chance. Durchaus war die Tricolore als Identifizierungszeichen der Demonstrierenden präsent. Jedoch wird sie nicht als Lobeshymne auf den Staat verstanden, vielmehr wird sie im Bezug auf die Französiche Revolution, auf liberté, égalité, fraternité (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) bezogen.
Natürlich sahen wir nur einen kleinen Teil der Bewegung. In Paris waren jedoch vorwiegend Solidarität zu spüren.

Gemäss verschiedenen Berichten ist eine grössere Gruppe Neonazis abgezogen, nachdem sie sahen, dass die Linke wesentlich stärker war und grossen Einfluss auf die Bewegung nahm. Bestimmt waren Rechtsextreme durchgehend anwesend. Jedoch konnten sie sich in keinem Moment politisch artikulieren, offen auftreten oder irgendeine wichtige Rolle übernehmen. Einzig die ausserparlamentarische Linke konnte dies.

Wie verhielt sich der Grossteil der Leute?
Die Massen zeigten sich entschlossen. Auf herkömmliche Protestformen wurde verzichtet, die Massen bewegten sich relativ unkoordiniert und ohne zentrale Führung in der Stadt. Viele Menschen trugen durch ihre Kreativität und ihre Emotionen ihren Teil zum Protest bei. So gab es inmitten der Strassenkämpfe auch Platz für pazifistischen Aktionen. Die militanten Aktionen gegen Luxusgeschäfte, gegen Regierungsgebäude oder Fahrzeuge wurden vom Grossteil der Massen bejubelt. Es gab Kritik, aber keine Distanzierungen von den Aktionen während den Aktionen. Eine Frau, mit der wir gesprochen haben, kritisierte Beispielsweise das Einschlagen der Scheibe eines Immobilienmaklers als „unnötig“, äusserte sich aber sehr wohlwollend dazu, dass auf der anderen Strassenseite die Fensterscheiben der Handelskammer mit hunderten (!) Steinen und anderen Wurfgegenständen eingedeckt wurden.

Eine ältere Dame, die sich etwas abseits auf einer Sitzbank ausruhte, meinte nur, das sei ja wie Krieg. Sie musste aber lachen und stimmte zu, als eine Frau daneben meinte, das sei halt manchmal nötig.
Wir hatten den Eindruck, dass jene, die die Gewalt gegen die Polizei nicht guthiessen dennoch nie von ihrem Plan abwichen, in Richtung der Elysée zu ziehen. Auch wer selber keine Gewalt angewandt hat, ist mit der Masse vorgerückt, wenn die Polizei zurückgewichen ist. Allgemein sahen wir, dass es kaum Konkurrenz zwischen pazifistischen und militanten Protestformen gab. So waren beispielsweise im SNFC-Block schwarz vermummte Schulter an Schulter mit Selfie-Streamenden Menschen.

Wie verhielten sich die Bullen?
Zu Beginn hat die Polizei (wie oben beschrieben) grösstenteils versucht, die Masse in einem weitläufigen Kessel zu halten und in kleinere Gruppen aufzuteilen. Zunächst ging ihr Plan auf. Als dann aber ein Weg Richtung Triumphbogen frei wurde, konnte die Polizei nicht mehr versuchen, einen Kessel aufrecht zu erhalten und musste sich auf die Verteidigung des Triumphbogens konzentrieren. Da viele Strassen zu diesem Zentrum führten, waren dort viele Bullen gebunden.

Je weiter die Polizei zurückgedrängt wurde, desto gewalttätiger wurde sie. Sie setzte einerseits unglaublich viel Tränengas ein (verdammt viel, wirklich verdammt krass viel). Zusätzlich schossen sie mit 40mm Gummigeschossen von relativ kurzer Distanz auf die Köpfe der Protestierenden. Dies führte zu zahlreichen Verletzungen. Wir klären derzeit ab, ob die Granatwerfer aus der selben Thuner Produktion kamen, wie jene der Berner Polizei oder libyscher Dschihadisten.

Hinzu kamen Schockgranaten (Flashballs), die mit einer grossen Druckwelle und enorm lautem Knall, die einerseits Schmerzen zufügen und in der Orientierung kurzzeitig einschränken. Aus kurzer Distanz können sie schwere Verletzungen anrichten. Ein Demonstrant, welcher versuchte, eine solche Granate von sich wegzuwerfen, verlor dabei seine gesamte Hand und ein Teil seines Unterarmes. Bilder ersparen wir euch an dieser Stelle.

Wenn du den Text bis zum Ende gelesen hast, aber noch viele Fragen offen hast:
Da das ganze Thema ziemlich riesig ist und es sehr schwer ist, unsere gesamten Eindrücke in ansprechender Form zu präsentieren, würden wir gerne von euch wissen, welche Fragen euch interessieren. Wenn es uns möglich ist, werden wir unsere Analysen und Beobachtungen dazu sehr gerne mit euch teilen.